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Was weiss Google über mich

Vielleicht sollte ich Eric Schmidt schreiben, dass ich keine Autos mag, das könnte helfen. Schmidt ist der ehemalige Vorstandschef und jetzige Verwaltungsratsvorsitzende von Google. Er ist einer der bedeutendsten Manager der Welt, und ich kenne ihn ziemlich gut, wenn auch nicht persönlich. Ich weiss zum Beispiel, dass Schmidt seit 36 Jahren verheiratet ist und wechselnde Geliebte hat, mit denen er nicht verheiratet ist. Eine Fernsehmoderatorin war dabei, eine Marketing-Managerin, auch eine vietnamesische Konzertpianistin. Ich weiss, dass er sich in New York ein Penthouse gekauft hat, das zuvor in dem Film Wall Street: Geld schläft nicht zu sehen war. Es ist 580 Quadratmeter gross und hat 15 Millionen Dollar gekostet. Für mich ist das ziemlich viel Geld, für Eric Schmidt nicht, sein Vermögen beträgt rund elf Milliarden Dollar, auch das weiss ich.

Ich habe das alles im Internet zusammengesucht, mithilfe einer Google-Abfrage, ein paar Minuten haben genügt. Google hat den Manager Eric Schmidt sehr reich gemacht, aber Google sorgt auch dafür, dass ich sehr viel weiss über den Privatmann Eric Schmidt. 

Oder sehr wenig. Verglichen mit dem, was Eric Schmidt über mich weiss.

  • Er weiss, wo ich wohne. 
  • Er weiss, was ich esse.
  • Er weiss, wann ich schlafe.
  • Er weiss, welche Musik ich höre, welche Filme ich sehe, welche Bücher ich lese. Dass ich morgen einen Termin beim Zahnarzt habe und übermorgen einen beim Friseur.

Das alles weiss Eric Schmidt, oder zumindest Google weiss es.

So jedenfalls hört und liest man es, fast täglich, in Talkshows und bei Podiumsdiskussionen, in Zeitungsartikeln und in Büchern mit Titeln wie Die Datenfresser, Die Akte Google, Ist Google böse? und Was Google wirklich will. Googelt man Google, stösst man auf Begriffe wie «Datenkrake», «Datenklau», «Big Brother» und «Digitale Überwachung». Es sind die Überschriften einer modernen Erzählung über ein monströses, alles wissendes, nichts vergessendes Maschinengehirn, in dem ein geheimnisvoller Algorithmus arbeitet. Einer Erzählung, die nicht zuletzt Google selbst über sich verbreitet. 

Im Herbst 2010 sass Eric Schmidt auf einer Bühne in der amerikanischen Hauptstadt Washington und beantwortete Fragen des damaligen Chefredakteurs der Zeitschrift The Atlantic. Man kann sich das Interview im Internet ansehen, es dauert 24 Minuten und 26 Sekunden. Eric Schmidt spricht über die Bedeutung des technischen Fortschritts, über die Macht der Daten, dann sagt er, lächelnd, einen Satz, der in den Jahren danach um die Welt geht: «Wir wissen, wo du bist, wir wissen, wo du warst, wir wissen, mehr oder weniger, worüber du nachdenkst.»

Sein Geld erwirtschaftet Google zu 90 Prozent, mit etwas, das es schon sehr lange gibt: mit Werbung.

Es klingt, als erkläre Schmidt die Privatsphäre offiziell für aufgehoben.

Ich habe nie ganz verstanden, wie Google es anstellt, sich all diese Daten zu beschaffen. Trotzdem habe ich an der Informiertheit des Konzerns nicht gezweifelt. Google weiss alles über mich? Nicht angenehm, aber das ist eben der Preis für die in Sekundenbruchteilen beantworteten Suchabfragen, für die kostenlosen Videos, für den fast unbegrenzten Zugang zum Wissen der Welt. So habe ich das gesehen. Dass Google mich gut kennt, habe ich nicht infrage gestellt. Bis ich dieses Filmchen auf YouTube sah, der Videoplattform von Google.

So wie Opel davon lebt, Autos zu verkaufen, lebt Google davon, Werbeplätze zu verkaufen

Ein Freund hatte mir den Link geschickt, ich glaube, es war eine Szene aus einem Basketballspiel der amerikanischen Profiliga, ich schaue mir öfter Basketballspiele auf YouTube an, genau weiss ich es nicht mehr. Was ich noch weiss: Vor dem Video lief ein Werbespot, ein sogenannter Pre-Roll. In dem Spot geht es darum, dass ein Hotelpage die Autos zweier Gäste, eines Mannes und einer Frau, verwechselt, die beiden fahren das gleiche Modell. Der Mann ist der Fussballtrainer Jürgen Klopp, die Frau die Schauspielerin Bettina Zimmermann. Die Pointe besteht darin, dass Klopp ein blitzblankes Auto hingestellt bekommt, während Zimmermann vor einem mit Matsch verschmierten Wagen steht, Klopp ist da schon weggefahren.

Zimmermann ruft ihn auf dem Handy an und sagt: «Sag mal, Jürgen, ich stehe hier vor deinem dreckigen Auto. Hast du das mit Absicht gemacht?»

Klopp antwortet lachend: «Nein, mit Allrad!»

Es ist eine Werbung für den Opel Mokka, einen Stadtgeländewagen von Opel.

Jürgen Klopp wirbt auch für andere Opel-Modelle, den Astra, den Corsa, den Insignia. Opel versucht seit einiger Zeit, sich ein neues Image zu verpassen, nicht mehr spiessig, altbacken, langweilig, sondern jung, frech, modern. Die Werbespots mit Klopp sind also wichtig für Opel. Für Google aber sind sie fast noch wichtiger.

Google ist bereits modern. Google entwickelt Aufzüge, die in den Weltraum fahren; Google arbeitet an Windrädern, die fliegen können; Google baut ein Skateboard, das nicht rollt, sondern schwebt. Solche Nachrichten dringen immer wieder aus der Konzernzentrale im Silicon Valley, und immer verbinden sie den Namen Google mit dem Morgen, mit Produkten, die es noch nicht gibt. Sein Geld von heute aber erwirtschaftet Google fast ausschliesslich, zu 90 Prozent, mit etwas, das es schon sehr lange gibt: mit Werbung. In einem der Jahresberichte des Konzerns schreibt der Vorstand: «Wir erzielen Umsatz in erster Linie durch relevante, kostenwirksame Onlinewerbung.» So wie Opel davon lebt, Autos zu verkaufen, lebt Google davon, Werbeplätze an Unternehmen wie Opel zu verkaufen.

Google nutzt meine Daten, um mir passende Werbung zu zeigen. Aber wieso Rasenmäher? Ich habe keinen Garten. Schon in den Ruinen von Pompeji fanden Archäologen jahrtausendealte Reklamebilder. So gesehen hat sich die Welt zwischen Antike und Moderne nicht sehr verändert. Die Werbung ist nur ein wenig mehr geworden.

Eine Milliarde Menschen weltweit sehen sich Filme auf YouTube an. Sie bekommen von Google kurze Clips vorgespielt, wie den von Opel.

35 000 Suchanfragen erhält Google pro Sekunde. Wer das Wort «Opel» eingibt, bekommt als erstes Ergebnis einen Werbe-Link angezeigt, in dem steht: «Die Opel Flat entdecken – sparen Sie bis zu 4000 Euro». 

Eine Milliarde Menschen haben einen Account bei Gmail, dem kostenlosen E-Mail-Dienst von Google. Wenn sie ihr Postfach öffnen, bekommen sie von Google Werbung präsentiert, zum Beispiel von Opel.

Natürlich hatte ich schon früher Werbefilme auf YouTube gesehen, aber als Jürgen Klopp in den Opel Mokka stieg, fiel mir zum ersten Mal ein kleines »i« auf, das unten links im Videobild eingeblendet war, gleich neben der Zeitanzeige, die einem sagt, wie lange der Spot insgesamt dauert. Ich fuhr mit dem Mauszeiger auf das »i«, und während der Film im Hintergrund weiterlief, öffnete sich ein kleines Fenster auf dem Bildschirm mit der Frage: «Warum sehe ich diese Werbung?»

Ja, warum eigentlich?

Mausklick, neues Fenster: «Diese Anzeige wurde aus folgenden Gründen bereitgestellt: Aufgrund Ihrer vermuteten Interessen.»

An dieser Stelle muss ich diesen Artikel etwas vorspulen, so ähnlich wie es auf YouTube möglich ist. Man kann dort den Cursor nach links oder rechts bewegen und jede beliebige Stelle in einem Video anwählen und anschliessend wieder zurückspringen. Wir bewegen uns jetzt also für einen Moment zu Zeile 619 dieses Artikels. Ich sitze in der Deutschland-Zentrale von Google in Hamburg einem kahlköpfigen Mann mit kurzem Bart gegenüber, den ich frage, wieso Google glaubt, meine Interessen zu kennen.

Mit jedem Mausklick, jedem Tastendruck hinterlasse ich im Internet eine Spur

Die Antwort: Google merkt sich alles. Jeden Begriff, den ich in die Suchmaske eingebe. Jedes Video, das ich auf YouTube ansehe. Jedes Wort, das ich in eine über Gmail versandte E-Mail schreibe. Google registriert es sogar, wenn ich Webseiten besuche, die mit Google gar nichts zu tun haben. Ich lese auf einer Nachrichtenseite einen Artikel über die AfD – Google speichert es. Ich sehe auf einer Wetterseite nach, ob auf Mallorca die Sonne scheint – Google verzeichnet es. Ich suche auf einer Gebrauchtmarkt-Seite nach einem Fahrrad – Google erfasst es. Mit jedem Mausklick, jedem Tastendruck hinterlasse ich im Internet eine Fährte, eine digitale Spur, einen Hinweis auf meine Person, meinen Charakter, auf das, was früher, in der vordigitalen Welt, nur andere Menschen kannten, meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn. All das findet sich jetzt auf den Servern von Google.

Verglichen mit meiner Google-Akte muss eine durchschnittliche Stasi-Akte ziemlich dünn gewesen sein.

Als ich das Basketball-Video auf YouTube angeklickt habe, hat sich Google folgende Frage gestellt: Welche der unzähligen Waren auf der Welt könnte für diese Person interessant sein? In Sekundenbruchteilen hat Google die Daten ausgewertet, die der Konzern über mich gesammelt hat, und mir den entsprechenden Werbespot gezeigt, das entsprechende Produkt.

Den Opel Mokka.

Man erkennt daran, dass es zwischen Google und der Stasi einen gravierenden Unterschied gibt. Eine Regierung, die einen Geheimdienst errichtet, um mich auszuspionieren, will mir etwas verbieten. Meine Meinung. Meine Religion. Meine Sexualität. Google spioniert mich nicht aus, um mir etwas zu verbieten, sondern um mir etwas zu verkaufen. Man kann gegen den Kapitalismus sagen, was man will, aber da ist mir die Überwachung durch Google lieber.

Natürlich könnte Opel für den Spot mit Jürgen Klopp und Bettina Zimmermann auch einen Werbeplatz vor der Tagesschau buchen. Opel würde dann auf einen Schlag 5,5 Millionen Zuschauer erreichen, aber sehr viele von ihnen könnten mit dem Opel Mokka gar nichts anfangen. Zum Beispiel, weil sie zu wenig Geld verdienen, der Mokka kostet rund 20 000 Euro. Oder weil sie zu viel Geld verdienen und ihnen ein Opel zu simpel ist. Oder weil sie genau die richtige Menge Geld verdienen, aber lieber einen VW fahren. 

Es ist wie bei einem Vertreter, der an tausend Türen klingelt, aber nur bei einer eingelassen wird. Der Streuverlust ist ziemlich hoch.

Google dagegen sorgt mit seiner Datensammelei dafür, dass der Vertreter nur dort klingelt, wo ihm auch geöffnet wird. Mit diesem Versprechen verdient der Konzern seine Milliarden. Google kennt mich, Google weiss alles über mich, und deshalb weiss Google auch, dass ich als Opel-Käufer infrage komme, zumindest theoretisch. In der Praxis scheint das nicht richtig zu klappen, jedenfalls nicht immer, jedenfalls nicht bei mir.

Ich will nämlich gar kein Auto.

Ich beginne ein Experiment: Google und ich, wir fangen noch einmal von vorn an

Es ist nicht so, dass ich Autos hasse. Ich halte das Auto für eine grossartige Erfindung, so ähnlich wie das Containerschiff, ich persönlich aber brauche beides nicht. Für kurze Strecken nehme ich das Fahrrad oder die U-Bahn, für lange den Zug, und manchmal, im Urlaub, einen Mietwagen. Ich bin jetzt 46 Jahre alt und habe nie ein Auto besessen, ich habe auch nicht vor, mir jemals eines zu kaufen.

Warum also zeigt mir Google den Opel Mokka?

Ich schaue mir weitere YouTube-Videos an und achte mehr auf die Werbung als auf die eigentlichen Filme. Das bekomme ich zu sehen:

  • Werbung für Hundefutter der Marke Pedigree.
  • Werbung für einen Rasenmähroboter von Viking.
  • Werbung für SheIn, einen Onlineshop für Damenbekleidung.
  • Werbung für Airwaves-Kaugummis.

Dazu muss ich sagen: Ich habe keinen Hund, sondern zwei Kaninchen. Ich habe keinen Garten, sondern einen Balkon. Röcke trage ich eher selten. Nur Kaugummis kaufe ich mir hin und wieder. Ich will nicht behaupten, dass Google rein gar nichts über mich weiss. Doch besonders viel scheint es nicht zu sein.

Dann aber wird mir klar, dass Googles Maschinengehirn mich gar nicht wirklich kennen kann. Meinen Computer nutze ich nicht nur privat, sondern auch beruflich. Bei einem Grossteil der Begriffe, die ich google, der Videos, die ich ansehe, der Webseiten, die ich aufrufe, geht es nicht um mich, sondern um journalistische Recherchen, zum Beispiel um die Autoindustrie. Wenn ich mich als ZEIT-Redakteur mit der Krise von Opel beschäftige, kann Google natürlich nicht wissen, dass mich persönlich Autos gar nicht interessieren. Von einem Menschen, dem ich irreführendes Zeug erzähle, erwarte ich auch nicht, dass er mich richtig einschätzen kann. 

Also beginne ich ein Experiment: eine digitale Neugeburt. Google und ich, wir fangen noch einmal von vorne an. So wie ein Kind, ein Jugendlicher, der zum ersten Mal die Online-Welt betritt. Der erste Rechner, die erste Suchabfrage, das erste YouTube-Video. Tastendruck für Tastendruck wird Google mich noch einmal neu kennenlernen können. So werde ich sehen, wie klug Google wirklich ist.

Es ist Frühjahr 2016, ich sitze vor einem neuen Computer und öffne zum ersten Mal den Internetbrowser. Für Google ist ein neuer Computer so ähnlich wie ein neuer Mensch: Noch wurden von diesem Gerät aus keine digitalen Abdrücke hinterlassen, keine Daten, keine Hinweise auf die Person, deren Finger da draussen über die Tasten huschen. Alter, Geschlecht, Wohnort – Google weiss in diesem Moment noch nichts über mich.

Mein erstes YouTube-Video ist ein Musikvideo. Hello von Adele. Danach Roar von Katy Perry, Love the Way You Lie von Eminem. Alles Videos, die auf YouTube sehr populär sind, aber wenig über mich aussagen, Massengeschmack. Ich rufe Webseiten auf, die Millionen Menschen in Deutschland jeden Tag nutzen, Nachrichtenseiten, Ratgeberseiten, Wetterseiten. Spiegel Online berichtet über den Krieg in Syrien, bei gutefrage.net will jemand wissen, ob man bei einer Magenschleimhautentzündung Alkohol trinken darf, auf WetterOnline lese ich von dunklen Wolken, die von Frankreich herannahen.

Und Google liest mit.

In meinem Internetbrowser habe ich eine Erweiterung installiert, mit deren Hilfe ich das erkennen kann, ein sogenanntes Add-on, es heisst Lightbeam, Lichtstrahl, und ist so etwas wie ein Gegenagent. Lightbeam spioniert den Internetspionen hinterher. Wenn ich das Programm öffne, erscheint ein kleines Fenster auf meinem Bildschirm, für einen Moment ist es schwarz, dann leuchten, wie Lichter in der Nacht, kleine Kreise auf. Die Kreise symbolisieren die Webseiten, auf denen ich unterwegs war. Jeder Kreis ist von kleinen Dreiecken umgeben – sie stehen für die Firmen, die im Unsichtbaren arbeiten und jeden meiner Klicks registrieren. Lightbeam zeigt auch die Namen dieser Firmen an, ziemlich viele von ihnen gehören Google.

Wenn nun verschiedene Personen auf einer Nachrichtenseite einen Artikel über, sagen wir, die Flüchtlingskrise anklicken, kommt es zu einem interessanten Effekt: Der Artikel ist immer derselbe, egal wer ihn anklickt. Bei dem einen Leser allerdings füllt sich die Werbefläche neben dem Text mit der Karosserie eines Autos, bei dem anderen vielleicht mit dem Hinweis auf eine Partnervermittlungsagentur oder dem Logo einer Biermarke. Je nachdem, welcher Mensch da vor dem Rechner sitzt. Die Artikel der Nachrichtenseiten kommen von den jeweiligen Redaktionen, die Werbung aber liefert in vielen Fällen Google, auch ZEIT ONLINE bezieht seine Anzeigen zum Teil von dem Konzern. 

Nichts gegen Autos, aber ich persönlich will keins. Mir genügt mein Fahrrad. Weiss Google das nicht?

Sobald ich einen Artikel anklicke, identifiziert mich der Algorithmus und sucht die passende Werbung für mich aus. Ich bekomme also nicht nur ein bestimmtes Produkt zu sehen, an der Werbung kann ich auch ablesen, wie Google mich sieht, wie es meine Vorlieben und Interessen einschätzt.

Auch das ist ein Unterschied zwischen Google und der Stasi. Ein Geheimdienst verrät den Menschen nicht, was er über sie weiss. Bei Google ist das anders. Die Werbung, die ich gezeigt bekomme, ist sozusagen ein Auszug aus meiner Google-Akte.

Am Anfang meines Experiments, als ich Seiten anklicke, auf denen fast jeder unterwegs ist, zeigt mir Google vor allem Produkte, die fast jeden interessieren. Versicherungen, Girokonten, Autos, immer wieder Autos, auch Jürgen Klopp ist wieder dabei. Nach einigen Tagen wird die Werbung spezifischer. Bei YouTube bin ich auf das Genre der Babyvideos gestossen, eines trägt den Titel Charlie bit my Finger – again!, Charlie hat mich wieder in den Finger gebissen. Man sieht einen kleinen Jungen, vielleicht drei Jahre alt, auf dessen Schoss ein Baby sitzt, das Charlie heisst, offenbar sein Bruder. Der Junge steckt dem Baby einen Finger in den Mund, er lacht, da beisst das Baby zu. Der Junge ruft: »Aua, Charlie, das hat wehgetan!« Jetzt ist es das Baby, das lacht, man sieht winzige Milchzähne blitzen. Das Video wurde bis heute 844 Millionen Mal angeklickt. 

Nachdem ich mir etwa ein Dutzend Klein- und Kleinstkindervideos angesehen habe, zeigt mir YouTube dieses Werbebild: eine Frau auf einer Liege in einer Arztpraxis. Darunter steht etwas von Eizellspenden und unbeschränkter Anzahl der Versuche. Offenbar hält mich Google für eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch.

Ich beschliesse, Google ein wenig mehr über mich zu verraten.

Das fällt nicht schwer, Google hat eine ganze Menge interessanter Programme und Produkte entwickelt. Mir helfen sie, am digitalen Leben teilzunehmen – Google helfen sie, Daten über mich zu sammeln. Mit ihnen kann ich Musik hören, Bücher lesen, Fotos posten, die Voraussetzung ist, dass ich ein sogenanntes Google-Konto anlege, und das bekomme ich nur, wenn ich ein paar Informationen über mich preisgebe.

Fünf Minuten später weiss Google, wie alt ich bin und dass ich ein Mann bin, meinen Namen ändere ich ein wenig, damit Google nicht merkt, dass es mich im Netz schon einmal gibt. Werbung für gespendete Eizellen bekomme ich nicht mehr.

Dank meines Google-Kontos kann ich Videos auf YouTube nicht mehr bloss ansehen, ich kann sie auch kommentieren und bewerten. Ich gebe die Wörter «Knieschmerzen» und «Laufen» in die YouTube-Suchmaske ein. Das ist im Moment nämlich mein Problem. Normalerweise gehe ich drei-, viermal die Woche laufen, meistens zehn Kilometer, manchmal mehr. Seit einigen Wochen aber sticht es im Knie. Mein Orthopäde kann mir nicht helfen. Meniskus, Kniescheibe, Bänder, alles okay. Liegt es an Überlastung, falscher Haltung, muskulären Dysbalancen?

Bei YouTube gibt es 1370 Videos dazu. Das ist nicht überraschend, YouTube ist mehr als nur eine Plattform für Popstars oder lustige Alltagsfilme, es ist Ratgeber, Lexikon, Kommunikationsmedium. Die meisten Videos empfehlen gymnastische Übungen, um die Beinmuskeln zu trainieren, und raten, es mit anderen, neuen Laufschuhen zu probieren. Ich vergebe erhobene Daumen an mehrere Videos und schreibe positive Kommentare, in denen ich ankündige, mich nach neuen Schuhen umzusehen.

Laufschuhe sind also ein Produkt, an dem ich im Moment Interesse habe. Würde ein Vertreter für Laufschuhe an meiner Tür klingeln, ich würde ihn hereinlassen, vielleicht würde ich gleich zwei oder drei Paar kaufen, denn, auch das erklären mir die Videos, es ist wichtig, zwischen verschiedenen Schuhen zu wechseln, das beugt Verletzungen vor.

Es gibt tolle Werbespots für Laufschuhe – nur bekomme ich sie nicht zu sehen

Ich gehe auf die Internetseite der Zeitschrift Runner’s World. Mein Spionageprogramm Lightbeam sagt mir, dass Google auch mit dieser Seite in Verbindung steht. Ich klicke mich durch Produktberatungen, schaue mir Bilder von Laufschuhen an, die Energy Boost, Ghost 9 und Cloudsurfer heissen. Für Google wäre das jetzt ein guter Moment, um mir Laufschuhe statt Autos zu zeigen. 

Ich gehe auf eine Wetterseite und sehe eine Werbung für: ein Auto. Den Dacia Duster, wieder ein Geländewagen.

Ich wechsle auf eine Nachrichtenseite und bekomme den Ford S-MAX gezeigt. »Agil durch den Alltag« steht daneben.

Ich klicke auf ein Musikvideo auf YouTube – es erscheint ein Foto des Volvo XC60. »Das schwedische SUV«.

Ich begebe mich zurück zu Runner’s World, und vor mir stehen drei silberglänzende Mercedes-Modelle. »Grosser Sport – die Mannschaftsbusse von Mercedes Benz«. 

In Zeiten, in denen man mit körperlicher Fitness ähnlich viele Menschen beeindrucken kann wie mit einem S-Klasse-Mercedes, ist der Wettbewerb zwischen Sportartikelunternehmen nicht weniger verbissen als der zwischen Automobilkonzernen. Nike, adidas, Puma, Asics, alle geben sie Millionen für Marketing aus, sponsern Marathonläufe, bezahlen Weltstars dafür, dass sie ihre Schuhe tragen, und produzieren Werbespots mit perfektem Licht und schnellen Schnitten.

Leider bekomme ich sie nicht zu sehen.

Stattdessen: Werbung für Milka-Schokolade, McDonald’s, elektrische Zahnbürsten von Oral-B, Hundefutter, diesmal von Cesar, Damenbekleidung, wieder von SheIn, ein Computerspiel namens New World Empires. Und natürlich Autos. 

Ich melde mich bei Google+ an, dem sozialen Netzwerk von Google. Es funktioniert ganz ähnlich wie Facebook, hat nur viel weniger Teilnehmer. Wie bei Facebook kann man der Netzgemeinde erzählen, was einem so durch den Kopf geht, man kann die Einträge anderer Teilnehmer abonnieren, Gruppen beitreten und ein Profil von sich anlegen, das andere anschauen können.

Ich schiesse ein Selfie von mir und lade es hoch auf meine Google+-Seite. Google weiss jetzt, wie ich aussehe. Auch sonst teile ich dem Konzern so einiges Neues von mir mit: Ich schliesse mich Gemeinschaften von Literaturfreunden, Krimilesern, Bergsteigern, Hamburg-Fans, Basketballanhängern und Fahrradfahrern an. Ausserdem – als kleine Erinnerung – trete ich diversen Gruppen von Langstreckenläufern bei.

Es gibt auch Profile mit Namen wie «Autoliebhaber 47», «Autofanatic», «Automobile» und «Autofreunde Wilhelmshaven». Die ignoriere ich.

Google müsste jetzt eigentlich wissen, was mich interessiert und was nicht.

Dank meines Google-Kontos habe ich Zugang zu Google Play, dem Medienkaufhaus von Google. Hier kann ich Kinofilme herunterladen, Bücher und Zeitungen in digitaler Form lesen, und, für 9,99 Euro im Monat, so viel Musik hören, wie ich will, zur Auswahl stehen 35 Millionen Titel. E-Mails an Freunde und Bekannte versende ich von nun an über einen Gmail-Account, und meine Fotos speichere ich bei Google Fotos.

Google kennt jetzt also meinen Musikgeschmack, meine E-Mails und meine Urlaubsbilder. Google weiss auch, dass ich wegen meines schmerzenden Knies kommende Woche wieder zu einem Orthopäden gehe. Steht in meinem Google-Kalender, in den ich neuerdings meine privaten Termine eintrage. Google kann sogar herausfinden, ob ich die Praxis in der Hamburger Innenstadt wirklich aufgesucht habe. Ich habe jetzt nämlich ein neues Smartphone, das mit Android funktioniert, dem Betriebssystem von Google. Aufgrund meiner Handydaten kann Google verfolgen, wo ich mich gerade aufhalte. Der Konzern wird also mitbekommen, dass ich in den kommenden Wochen in die Schweiz fahre und nach Südtirol, nach Frankfurt, München und Bremerhaven.

Als ich das Handy das erste Mal einschalte, leuchten die Datenschutzbestimmungen von Google auf. Darin steht zum Beispiel, dass Google die Nummer und die Gerätekennung meines Smartphones erfasst und diese Informationen mit meinem Google-Konto verknüpft. Egal ob ich jetzt über das Smartphone oder einen Computer ins Internet gehe, Google weiss immer, dass ich es bin. Am Ende der Datenschutzbestimmungen steht: «Wir verwenden diese Daten, um Ihnen massgeschneiderte Inhalte anzubieten – beispielsweise, um Ihnen relevantere Suchergebnisse und Werbung zur Verfügung zu stellen.»

Zum Beispiel Autowerbung.

Der VW Caddy EcoProfi. «Stark im Job. Stark im Preis».

Seat. «Technology to Enjoy».

Der Onlinestore von Mercedes-Benz. «Das Beste oder nichts».

Der Lexus IS 300h. «Jetzt attraktive Hybridprämie sichern».

Der Audi-Gebrauchtwagenmarkt. «Entspannt Ihren Traumwagen finden».

Hyundai. «Together We Stand».

Offenbar war ich immer noch nicht deutlich genug. Zwar habe ich während meines Experiments nie das Wort Auto in die Google-Suchmaske eingegeben, nie die Webseite eines Autoherstellers angeklickt, nie ein Autovideo auf YouTube angesehen, aber theoretisch könnte ich ja trotzdem ein potenzieller Autokäufer sein. Ich muss Google noch aussagekräftigere Daten übermitteln.

Über Gmail verschicke ich E-Mails mit dem Satz »Ich werde mir nie im Leben ein Auto kaufen«. Auf Google+ finde ich ein Profil namens «Autofreiestadt», es hat erst zwei Follower. Ein Mausklick, und ich bin der dritte. Auf YouTube vergebe ich einen erhobenen Daumen an den «Minimalismus Podcast – Folge 02 – autofrei leben». Ich tippe «ohne Auto» in die YouTube-Suchmaske ein. 10 600 Videos. Alle schaue ich mir nicht an, aber einige. Fast immer verteile ich erhobene Daumen und wohlwollende Kommentare. Einen Fernsehbeitrag des WDR über eine Familie mit drei Kindern, die ohne Auto auskommt, teile ich bei Google+, versehen mit dem Kommentar «Grossartig! So geht’s auch, mit Fahrrad statt Auto!».

Auf Aussenstehende muss ich wie ein erbitterter Autogegner wirken. Das bin ich gar nicht, aber um eine Botschaft rüberzubringen, muss man manchmal ein wenig übertreiben.

Dann öffne ich ein Video mit dem Titel Mein Leben ohne Auto – Ein Selbstexperiment. Bevor der Film beginnt, läuft wieder ein Werbespot. Klassische Musik, eine alte Stadt, Rom, man sieht Mauern, Statuen, Kopfsteinpflaster und einen metallicbraunen Wagen, der durch die Strassen rollt. Kurze Schnitte zeigen den Innenraum des Wagens, das Lenkrad, die Sitze, das Armaturenbrett. Dann wird das Bild weiss, es ist nur ein blaues Logo zu sehen, und ein paar Wörter in schwarzer Schrift. 

Ford. «Eine Idee weiter».

Ich gebe auf.

Diese Anzeige könnte interessant sein, leider kann ich kein Spanisch

Mein Experiment hat sechs Monate gedauert. Ich will nicht sagen, dass ich in dieser Zeit nur nutzlose Werbung sah. Zum Beispiel habe ich mir für einen Urlaub in den Bergen in einem Onlineshop eine Regenhose gekauft. Das war anscheinend deutlich genug, tagelang bekam ich Regenjacken, Wanderschuhe und Rucksäcke präsentiert. Ein andermal wurde eine Werbung für einen ärztlichen Check-up eingespielt, bei einem Mann meines Alters nicht abwegig. Auch die Werbeanzeige eines Schmerzgels, das ich mir auf mein verletztes Knie schmieren könnte, ergab Sinn. Ebenso die Abbildung einer Sportuhr, mit der man Herzschlag und Laufstrecke messen kann. Wenn mein Knie wieder in Ordnung ist, werde ich mir diese Uhr vielleicht genauer ansehen.

Aber dann war da eben auch diese Anzeige mit einem Foto des Weltalls und dem Text: «Por fin internet rápido – gracias a skyDSL». Könnte interessant sein, nur leider kann ich kein Spanisch.

Da war dieses Banner in Olivgrün, Werbung für eine Karriere bei der Bundeswehr. «Offizieller Ausbilder von Vorbildern» stand da. Soldat werden, warum nicht, aber ich fürchte, in meinem Alter nimmt mich die Bundeswehr nicht mehr auf.

Da war diese Werbung für eine Jeans, wie ich sie eine Woche zuvor im Netz bestellt hatte. Eine Jeans brauche ich immer wieder mal, aber diese war drei Nummern zu kurz.

Am Ende meines Experiments hatte ich noch die App Google Now auf mein Smartphone geladen. Google Now ist eine Art persönlicher Assistent, der sich per Sprache steuern lässt. Ich musste nur sagen «Okay, Google. Wecker auf 7.30 Uhr einstellen», und um 7.30 Uhr klingelte mein Wecker. Google kannte jetzt also auch meine Stimme.

Es gab kaum ein Angebot des Konzerns, das ich nicht nutzte, ich war so etwas wie ein Bilderbuchkunde. Ich weiss nicht, wie viele Daten Google über mich sammeln konnte, aber es müssen ziemlich viele sein. Nur scheint mir, der Konzern hat leichte Schwächen, diese Daten auszuwerten. Der Deutschland-Chef von BBDO, einer der grössten Werbeagenturen der Welt, mit dem ich darüber gesprochen habe, formulierte es so: «Noch hat Big Data nicht die Veredelung zu Smart Data geschafft.» Soll heissen: Die Datensammler haben noch nicht gelernt, die vielen Informationen richtig einzuordnen. Noch gleicht Google einem fleissigen Schüler, der Hunderte Gedichte aufsagen kann, aber nicht versteht, was sie bedeuten.

Ich muss wieder an Eric Schmidt denken. Stammen meine Informationen über ihn und seine Geliebten nicht in Wahrheit von Internetseiten, die Klatsch und Tratsch verbreiten? Ist es nicht vermessen zu glauben, ich würde wirklich etwas über ihn wissen?

Und hat nicht auch Eric Schmidt ein wenig übertrieben, als er damit angab, wie gut sein Unternehmen mich angeblich kennt?

Ich schreibe eine E-Mail an Google und bitte um ein Gespräch. Mir antwortet einer der Pressesprecher in der Deutschlandzentrale des Konzerns in Hamburg. Er heisst Klaas Flechsig.

Ich tippe den Namen in die Google-Suchmaske ein. Ergebnis: zahlreiche Bilder von einem kahlköpfigen Mann mit kurzem Bart, neben ihm steht Günther Jauch. Flechsig, so lese ich, ist vor zwei Jahren in der Fernsehsendung Wer wird Millionär? angetreten. Er schaffte es, Fragen wie «Die sogenannte Smaragdzahl dient dazu ...? A: Meerestiefen zu ermitteln, B: Schmuckstücke zu taxieren, C: Geldfälscher abzuschrecken oder D: Spitzenweine auszuzeichnen» korrekt zu beantworten (richtig war C). Am Ende gewann er 500 000 Euro.

Daraufhin, so lese ich weiter, sprach Flechsig davon, Google womöglich zu verlassen und ein eigenes Unternehmen zu gründen. Er ist dann doch geblieben. Ist ja auch gemütlich bei Google. In der Deutschlandzentrale gibt es Besprechungszimmer mit kleinem Golfplatz, einen Ruheraum für das Nickerchen zwischendurch, ein mit grünen Schaumstoffwürfeln gefülltes Schwimmbad, in dem man liegend arbeiten kann, und gleich zwei Kantinen mit kostenlosem Essen. In einer dieser Kantinen sitze ich nun mit Klaas Flechsig. Als ich ihm erzähle, dass ich ziemlich häufig Werbung eingespielt bekomme, die nicht so richtig zu mir passt, sagt er, man dürfe den Satz von Eric Schmidt nicht so wörtlich nehmen.

Google weiss also gar nicht so viel über mich?

Flechsig sagt, Google teile die Internetnutzer lediglich in grobe Zielgruppen ein. Dass jemand keine Autos mag, ist gar nicht vorgesehen. Und meine positiven Kommentare unter autokritischen Videos? Die E-Mails mit der Aussage, dass ich kein Auto haben will?

Negative Aussagen erkenne der Google-Algorithmus nicht, sagt Flechsig. Genauer: Er kann sie nicht von positiven Aussagen unterscheiden. Google liest also «ohne Auto» und denkt, da interessiert sich jemand für Autos.

Am besten, sagt Flechsig, funktioniere die Zuordnung bei der Suchmaschine. Würde ich «Laufschuhe» in die Google-Suchmaske eintippen, würde ich also gezielt nach diesem Produkt fragen, bekäme ich, gemeinsam mit den Suchergebnissen, tatsächlich Werbung für Laufschuhe angezeigt. Nicht für Autos. Man kann das als Ausdruck künstlicher Intelligenz sehen, aber ich würde sagen, um eine solche Verbindung herzustellen, muss die Intelligenz nicht besonders ausgeprägt sein.

Google liest »ohne Auto« und denkt, da interessiert sich jemand für Autos

Ich meine das gar nicht abschätzig. Ich glaube nicht, dass Google sich sonderlich dumm anstellt. Eher vermute ich, dass es mitunter ziemlich schwierig ist, aus dem Alltagsverhalten eines Menschen abzuleiten, welche Produkte man diesem Menschen verkaufen kann. Schon allein weil die meisten Menschen einen Gutteil ihrer Zeit mit Dingen verbringen, die nichts mit Konsum und Kapitalismus zu tun haben. Vor Kurzem habe ich einen Mann beobachtet, der mit seinem kleinen Sohn auf einem Spielplatz stand. Der Mann hatte einen Papierflieger gefaltet, er warf ihn in die Luft, und der Junge rannte hinterher und versuchte, ihn zu fangen. Kann sein, dass der Mann die Anleitung für die Bastelei im Internet gefunden hatte. Vielleicht hat Google vermerkt, dass er sich für Papierflieger interessierte. Aber was folgt daraus? Dass man ihm eine Werbung für easyJet zeigen sollte?

Womöglich ist es mit dem Menschen wie mit dem Wetter. Auch Meteorologen sammeln Unmengen von Daten, über die Wolken, den Wind und den Luftdruck. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Daten. Trotzdem schaffen sie es nicht, sicher vorherzusagen, ob morgen die Sonne scheint. Weil das Wetter unberechenbar ist. Genau wie der Mensch. Ich habe das zuerst für eine beruhigende Erkenntnis gehalten, für einen kleinen Sieg des Menschen über die Maschine, einen Triumph des Papierfliegers über den Computer. Ich dachte, die Geschichte sei an dieser Stelle zu Ende, aber sie geht noch weiter.

Es gibt da nämlich noch eine zweite Erzählung über die Maschine in der modernen Welt, die auf den ersten Blick nichts mit Google zu tun hat. Wie die Beschreibungen des vermeintlich allwissenden Algorithmus klingt auch diese zweite Schilderung ziemlich bedrohlich. Auch sie bekommt man in Talkshows zu hören, kann sie nachlesen in Büchern und Zeitungen – man kann sich aber auch einen der Hauptdarsteller dieser Erzählung ansehen, er heisst YuMi und ist erst eineinhalb Jahre alt.

Auch von YuMi gibt es ein Video auf YouTube: Angestrahlt von Scheinwerfern sitzt er auf einem Podest, um ihn herum stehen etwa vierzig Menschen. Manche schiessen Fotos mit ihren Handys, aber YuMi achtet nur auf das Papier, das neben ihm liegt, blaues, grünes, gelbes Papier, wie kleine Kinder es lieben. YuMi nimmt ein Blatt, faltet es, einmal, zweimal, zieht die Linien gerade, holt aus, und dann, in einer weichen Kurve, segelt der Papierflieger durch die Luft.

Vorher hat sich YuMi noch einen Stempel gegriffen und ein Bild von sich auf den Flieger gedrückt. Sein Rumpf ist zu sehen, der linke Arm, der rechte Arm und sonst – nichts. Kein Kopf, keine Beine, das alles braucht YuMi nicht, denn YuMi ist kein Mensch, kein Kind, YuMi ist ein Roboter, ein Produkt des Schweizer Technologiekonzerns ABB.

Die Papierflieger sind nur eine Spielerei, eine Fingerübung für YuMis Stahlhände, ausgeführt auf einer Messe in Taiwan. Die Bastelei sollte demonstrieren, wozu YuMi in der Lage ist: Eine Maschine, die es schafft, Papierflieger zu falten, kann auch Smartphones und Laptops zusammenstecken. Sie kann Tätigkeiten übernehmen, die heute noch Menschen erledigen, Arbeiter, die diese Arbeit brauchen, um Geld zu verdienen, und damit ist klar, worum es in dieser zweiten Erzählung von Mensch und Maschine geht. Nicht darum, dass eine Maschine den Menschen erforscht. Sondern darum, dass sie ihn ersetzt.

Es gibt heute Rechner, die Röntgenbilder interpretieren; Autos, die ohne Fahrer fahren; Roboter, die Gesetzestexte analysieren. All diese Apparaturen machen menschliche Arbeit überflüssig. Nach einer Studie der Universität Oxford arbeitet fast jeder zweite Amerikaner in einem Beruf, der in den kommenden zehn, zwanzig Jahren von einer Maschine übernommen werden könnte. Es gibt sogar schon Computer, die Zeitungsartikel schreiben.

Werden Leute wie ich bald nicht mehr gebraucht?

Das Interessante an dieser Geschichte von der grossen Automatisierung ist, dass sie in Wahrheit uralt ist. Sie wurde schon erzählt, als der mechanische Webstuhl erfunden wurde, die Dampfmaschine, das Fliessband. Der moderne Mensch ist nicht der erste, der Angst hat, überflüssig zu werden. 1928 titelte die New York Times: «Der Vormarsch der Maschinen sorgt für arbeitslose Hände».

Es war ein Irrtum. Bis heute ist der Welt die Arbeit nicht ausgegangen. Der Grund liegt darin, dass es immer wieder neue Dinge gibt, die die Menschen haben wollen. Sie kaufen atmungsaktive Jacken, um beim Wandern nicht zu schwitzen. Sie kaufen Autos mit Airbags, um sich sicher fortzubewegen. Sie kaufen E-Book-Reader, um keine Bücher mit sich herumtragen zu müssen. Sie kaufen so viel, dass Tausende neuer Jobs entstehen. Für Arbeiter, Verkäufer, Lieferanten, Software-Ingenieure und Designer.

Es ist wie ein Wettkampf, der seit Jahrhunderten anhält. Die Maschinen zerstören Jobs, der Konsum kreiert Jobs. Solange Letzterer gross genug ist, wird auch der Mensch der Zukunft ausreichend Arbeit haben, und genau da kommen wieder Google und die Werbung ins Spiel. Denn könnte der Google-Algorithmus tatsächlich unsere geheimsten Sehnsüchte erkennen, könnte er uns tatsächlich all jene Produkte zeigen, die wir uns wünschen, dann könnte er dafür sorgen, dass wir nicht aufhören, immer weiter einkaufen zu gehen. Für einen Schuh, der mich wieder schmerzfrei laufen lässt, würde ich viel Geld bezahlen.

Man kann den nicht endenden Konsum auch befremdlich finden, ein wenig unheimlich sogar, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Deutsche Schätzungen zufolge schon heute 10 000 Gegenstände besitzt. Wenn man sich fragt, wie viel wir noch anhäufen sollen. 

Andererseits ist der Kapitalismus selbst wie eine Maschine. Man muss ihn am Laufen halten.

Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich mich wirklich freuen soll über Googles im Moment noch beschränkte Intelligenz. Womöglich könnte das Maschinengehirn des Internetkonzerns tatsächlich helfen, die Menschen vor den Maschinen zu retten. Es müsste nur mehr über uns wissen.

Vielleicht ist es also Zeit, Eric Schmidt selbst etwas mehr über mich zu erzählen. Der Pressesprecher Klaas Flechsig sagt, Schmidt stehe für ein Gespräch im Moment nicht zur Verfügung, aber Schmidt und ich, wir sind beide bei Google+. Ich kann auf seiner Profilseite einen Kommentar hinterlassen, dann hat er es schriftlich: Ich mag keine Autos.

Urs Rüegg

Über den Autor

Urs Rüegg

Urs Passion ist es komplexe und multinationale Projekte zu liefern. Seit 2000 wurden über 25 CRM-, 12 Entwicklungs- und 8 Infrastruktur-Projekte geliefert.

In der Freizeit liebt Urs die Gaumenfreuden aus aller Herren Ländern zu entdecken und frei nach Aristoteles und Plutarch zu geniessen. 

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